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Kritik Tages Anzeiger 

LUSTVOLL
Der Lehrergesangverein Zürich präsentiert frühe Chorstücke von Maurice Ravel.

An einem Morgen in der Provence erhebt sich die Sonne über weissem Oleander, und das Lied der Grillen erfüllt die morgenfrische Luft. Diese Szene entstammt nicht etwa einer Erzählung von Alphonse Daudet, sondern dem Gesang «Matinée de provence» für Solosopran, Chor und Orchester von Maurice Ravel. Es ist eines der fünf Stücke, mit denen der junge Ravel versuchte, den begehrten Rom-Preis für Komposition zu gewinnen - erfolglos.

Der Lehrergesangverein hat diese fünf nie veröffentlichten Stücke aus der Rumpelkammer der Musikgeschichte geholt - man könnte sie statt «Kantaten» wohl auch «Chorlieder» nennen. Sie feiern die vielgestaltige Natur, das Flimmern des Sonnenlichts und die Kühle der Nacht. Der Orchestersatz ist durchtränkt von Ravels jugendlich üppiger Klangsinnlichkeit, die das Tonhalle-Orchester lustvoll zum Leben erweckt. Der Chorsatz ist weich und schmiegsam, der Lehrergesangverein unter Pirmin Lang lässt die Klänge ineinander fliessen und vermeidet die Härten der Artikulation. Wie die Schwalbe in «Matinée de Provence» schwingt sich der schöne, helle Sopran von Maria Baumgartner in die Lüfte und kündet von der Leichtigkeit des Daseins. Leicht und luftig klingt auch Maurice Duruflés Requiem op. 9. Duruflé verwendet darin die Melodien der gregorianischen Totenmesse in vielfältiger Weise: Er zitiert sie manchmal einstimmig im Chor, zelebriert sie als instrumentaler Cantus Firmus in breiten Notenwerten oder spinnt die Anfangsmotive im imitierenden Chorsatz fort. Diese fantasievolle Choralbehandlung ist in das meist feine Orchestergewand gekleidet, das wir von Faurés Requiem kennen. Dessen eingängige Pavane op. 50 für Chor und Orchester entliess das Publikum in einen von Lindenblütenduft durchwehten Abend.

Olivier Senn

Tonhalle, 18.6.



 





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