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Kritik NZZ

Rarität aus Böhmen

Der Lehrergesangverein in der Tonhalle

Die Suche nach Alternativen zum gängigen Repertoire ist, soll sich der Konzertbetrieb der grossen Chöre nicht im immer Gleichen zu Tode laufen, eine permanente Aufgabe für deren Dirigenten. Monica Buckland hat für das Jahreskonzert des Lehrergesangsvereins Zürich ein Programm zusammengestellt, das, mit Ausnahme der eröffnenden "Figaro" - Ouvertüre Wolfgang Amadeus Mozarts, aus lauter Raritäten bestand. Das Hauptstück stellte dabei die Missa solemnis op. 24 von Jan Václav Hugo VoYišek (1791-1825) dar. Der jung verstorbene und fast vergessene böhmische Komponist hatte in Wien als Pianist, als Organist und als Dirigent gewirkt. Seine Messekomposition folgt formal weitgehend den Konventionen der Zeit. Sie gefällt im unterschiedlichen Charakter ihrer Chornummern und in der ausgearbeiteten Art der Orchesterbegleitung, ist aber für eine Missa solemnis etwas kurzatmig und verzichtet auf Arien.

Reinheit ohne Schlagkraft
Unter den meistens im Quartett singenden Solisten dominierten der strahlende Sopran von Martina Janková und der deutlich zeichnende Bassbariton von Randal Turner, während die Mezzosopranistin Mojca Vedernjak und der Tenor Achim Schulz Anderson mit ihren weichen Stimmen etwas untergingen. Die siebzig Damen und Herren des Lehrergesangverein sangen gepflegt und rein, hatten aber, mit Ausnahme des Soprans, wenig Schlagkraft und traten im Allgemeinen zu harmlos auf. Die Dirigentin arbeitete das Profil des Werks vorwiegend mit Hilfe des Orchesters, des auf historischen Instrumenten spielenden Capriccio Basel, heraus, was zur Folge hatte, dass diesen den Chor meist überdeckte.
Die zuvor gesungenen Vokalwerke wiesen sowohl untereinander wie auch im Bezug auf VoYišek wenig Gemeinsamkeiten auf, so dass sich der Eindruck eines Potpourris einstellte. Mozarts Konzertaire "Bella mia fiamma" bot Martina Janková immerhin Gelegenheit, ihre Stilsicherheit im italienischen Genre zu zeigen und ihr musikalisches Temperament auszuleben. Die drei umtextierten, zu geistlichen Hymnen verwandelten Chöre aus Mozarts Schauspielmusik "Thamos" vermochten indes, derart aus dem Zusammenhang gerissen, wenig Anteilnahme zu erwecken. Und Schuberts Magnificat, das reichlich konventionelle Werk eines 18-Jährigen, hätte man ruhigen Gewissens vom Programm streichen können.

Thomas Schacher, 8.6.05

Zürich, Tonhalle, 5. Juni




 





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